Differenzielles Bewegungslernen II: Spüre den Unterschied!

Im ers­ten Bei­trag zum Dif­fe­ren­zi­el­len Bewe­gungs­ler­nen habe ich ein wenig den theo­re­ti­schen Hin­ter­grund zum Bewe­gungs­ler­nen betrach­tet und dabei die Beson­der­hei­ten des Dif­fe­ren­zi­el­len Bewe­gungs­ler­nens her­aus­ge­stellt. In zwei­ten Bei­trag möch­te ich einen spe­zi­el­len Aspekt her­aus­grei­fen und mich den dar­aus resul­tie­ren­den Kon­se­quen­zen für die Pra­xis zuwenden.

Die Unter­su­chun­gen von Schöll­horn und Mit­ar­bei­ten­den hat­ten erge­ben, dass sich Bewe­gun­gen nicht exakt wie­der­ho­len las­sen, son­dern statt­des­sen von indi­vi­du­el­len und situa­ti­ven Bewe­gungs­lö­sun­gen gespro­chen wer­den muss.

Die­se Erkennt­nis­se führ­ten zu den pro­vo­kan­ten Fra­ge­stel­lun­gen, ob

  • es Sinn mache, Bewe­gun­gen durch „Ein­schlei­fen“ sta­bi­li­sie­ren zu wol­len und
  • ob der Ver­such, eine Bewe­gung mehr­mals hin­ter­ein­an­der gleich zu machen, die Ursa­che für Bewe­gungs­lern­pro­zes­se sein könne.

Die Ant­wort lau­te­te NEIN.

Dif­fe­ren­te Bewegungserfahrungen

Das Kon­zept des dif­fe­ren­zi­el­len Bewe­gungs­ler­nens geht davon aus, dass der Lern­reiz für das Erwer­ben und Ver­bes­sern von Bewe­gun­gen auf­grund dif­fe­ren­ter Bewe­gungs­er­fah­run­gen zustan­de kommt und nicht durch die Wie­der­ho­lung des ver­meint­lich Glei­chen. D.h. es ist die Abwei­chung (Dif­fe­renz) der fol­gen­den Bewe­gungs­aus­füh­rung B zu der davor lie­gen­den Bewe­gungs­aus­füh­rung A, die den Lern­reiz aus­löst und die stän­di­ge Wie­der­kehr von Abwei­chun­gen, die die Ursa­che für den Lern­erfolg ist. 

Die Abwei­chun­gen wer­den als Rau­schen bezeich­net. Die Sum­me der Abwei­chun­gen in einer Übungs­rei­he oder Inter­vall­se­rie oder in einem Trai­ning bestimmt die Stär­ke des Rau­schens. Je stär­ker das Rau­schen, des­to inten­si­ver der Lernreiz.

Metho­di­sche Umset­zung beim Üben und Trainieren

Um beim Üben und Trai­nie­ren gezielt Bewe­gungs­lern­pro­zes­se anzu­sto­ßen, wer­den sys­te­ma­tisch Bewe­gungs­va­ria­tio­nen ein­ge­setzt, um unter­schied­li­che Bewe­gungs­er­fah­run­gen zu ermöglichen.

Bei­spiel:

6x50 Kraul, ruhi­ges Tem­po, 20‘‘ Pau­se / 50

Schwim­me die ers­ten 25 jeweils mit grad­li­ni­gem Arm­zug (ver­su­che, dei­ne Hand auf einer Linie par­al­lel zur Was­ser­ober­flä­che von vorn nach hin­ten zu bewegen/ Vari­an­te A) und die zwei­ten 25 mit leicht kur­vi­gem Zug­mus­ter (S‑Zug / Vari­an­te B).

Bewusst­heit im Übungsprozess

Wich­tig ist, dass die Üben­den die Bewe­gungs­va­ri­an­ten bewusst aus­füh­ren, d.h. zum einen „absicht­lich“ und zum ande­ren ver­bun­den mit Kon­zen­tra­ti­on und Auf­merk­sam­keit auf bestimm­te Wahr­neh­mun­gen, die auf­grund der Varia­tio­nen auf­tre­ten kön­nen. Hilf­reich ist, die Auf­merk­sam­keit der Üben­den auf bestimm­te Aspek­te zu len­ken, die Ein­fluss auf die Effi­zi­enz der Kraul­be­we­gung haben. Dies kann gesche­hen, bevor mit der Auf­ga­be begon­nen wird oder, wenn meh­re­re Wie­der­ho­lun­gen aus­ge­führt wer­den, wäh­rend­des­sen: z.B. ach­te auf

  • Die Umströ­mung der Hän­de wäh­rend des Zuges.
  • Das Widerlagergefühl/die Antriebs­wirk­sam­keit der Armzüge.
  • Das Gefühl in der Antriebs­mus­ku­la­tur der Arme.

Oder es wer­den offe­ne Fra­ge­stel­lun­gen for­mu­liert, die zwi­schen den Wie­der­ho­lun­gen oder im Anschluss gestellt wer­den kön­nen: z.B.

  • In wel­chem Teil der Antriebs­be­we­gung hat­test du ein gutes Widerlagergefühl?
  • Gab es für dich bei bei­den Vari­an­ten posi­ti­ve Aspek­te? Wenn ja, welche?
  • Wie hast du dich bei den bei­den Vari­an­ten gefühlt?
  • Haben sich die Vari­an­ten unter­schied­lich auf dei­ne Was­ser­la­ge ausgewirkt?

Bewusst­heit beim Dif­fe­ren­zi­el­len Bewe­gungs­ler­nen schließt also eine gewis­se Refle­xi­on der Wahr­neh­mun­gen ein, die ver­bal erfol­gen kann (im Aus­tausch zwi­schen Sportler*in und Trainer*in oder zwi­schen ver­schie­de­nen Sportler*innen) oder sich in der üben­den Per­son selbst abspielt. Durch die Refle­xi­on wird aus der Wahr­neh­mung eine Erfah­rung, auf die die Üben­den in spä­te­ren Bewe­gungs­si­tua­tio­nen zurück­grei­fen können.

Den Bewe­gungs­lern­reiz steuern

Das Rau­schen beim o.g. Bei­spiel „begrenzt sich“ auf die dif­fe­ren­ten Erfah­run­gen zwi­schen den ers­ten und zwei­ten 25m. Das Rau­schen stei­gert sich, wenn eine wei­te­re Bewe­gungs­va­ri­an­te hinzukommt:

6x50 Kraul, ruhi­ges Tem­po, 20‘‘ Pau­se / 50

Schwim­me im Wechsel:

  1. 25 mit grad­li­ni­gem Arm­zug / 25 mit leicht kur­vi­gem Zugmuster
  2. 25 mit stei­fen Ellen­bo­gen / 25 mit leicht kur­vi­gem Zugmuster

Eine ande­re Mög­lich­keit, das Rau­schen zu ver­stär­ken, zeigt fol­gen­de Aufgabengestaltung:

6x50 Kraul, ruhi­ges Tem­po, 20‘‘ Pau­se / 50

Schwim­me im Wechsel:

  1. Rech­ter Arm mit grad­li­ni­gem Arm­zug / lin­ker mit leicht kur­vi­gem Zugmuster
  2. Rech­ter Arm mit leicht kur­vi­gem Zug­mus­ter / lin­ker Arm gradlinig

Die 6x50 K lie­ßen sich in die­ser Form in einem ers­ten Durch­gang mit 2er-Atmung nach rechts durch­füh­ren und in einem zwei­ten Durch­gang mit 2er-Atmung nach links. Das wür­de sehr wahr­schein­lich zu wei­te­ren dif­fe­ren­ten Bewe­gungs­er­fah­run­gen füh­ren und ggf. Sei­ten­un­ter­schie­de zwi­schen lin­kem und rech­tem Arm­zug „auf­de­cken“.

Die Inten­si­tät des Rau­schens lässt sich auf die­se Wei­se sys­te­ma­tisch nach unten und oben regulieren.

Bewegungsanfänger*innen

Wenn ein Bewegungsablauf/ eine Übung neu für die/den Üben­den ist, kann zunächst ohne Varia­tio­nen gear­bei­tet wer­den, bis die Aus­füh­rung eine in den Grund­zü­gen aus­rei­chen­de Qua­li­tät erreicht hat und funk­tio­niert (Grob­form). Das liegt dar­an, dass unse­re Wie­der­ho­lun­gen beim Erler­nen einer neu­en Bewegung/Übung anfangs sowie­so noch star­ke Schwan­kun­gen auf­wei­sen. Es kommt also sowie­so ein aus­rei­chend star­kes Rau­schen zustande.

Ist die Grund­struk­tur der Bewe­gung aus­rei­chend sta­bil, soll­te gezielt vari­iert wer­den, um die Qua­li­tät zu verfeinern.

Bei­spiel für eine schwimm­tech­ni­sche Übung (STÜ):

Kraul­bein­schlag in schrä­ger Bauch­la­ge, ein Arm vor­ge­streckt, ein Arm angelegt

Grob­form: die Bein­schlag­be­we­gung erfolgt in Schräg­la­ge, der „unte­re“ Arm ist vorn posi­tio­niert, der ande­re liegt auf der an der Was­ser­ober­flä­che befind­li­chen Kör­per­sei­te, Aus­at­mung ins Was­ser, Ein­at­mung zur Sei­te bzw. nach oben

Ers­te mög­li­che Varia­ti­on: Wohin schaust du wäh­rend der Aus­at­mung? Vari­ie­re dei­ne Blick­rich­tung und damit dei­ne Kopf­hal­tung und ver­su­che wahr­zu­neh­men, wie sich das auf dei­ne Was­ser­la­ge auswirkt?

Zwei­te Varia­ti­on: Wie dicht befin­det sich dein vor­ge­streck­ter Arm an der Was­ser­ober­flä­che? Vari­ie­re die Tie­fe und ver­su­che wahr­zu­neh­men, wie sich das auf dei­ne Was­ser­la­ge auswirkt?

Drit­te Varia­ti­on: Wie hältst du die Hand dei­nes vor­ge­streck­ten Arms? Vari­ie­re die Hand­hal­tung (beu­gen, stre­cken, über­stre­cken, Hand­flä­che nach innen, unten o. außen, ange­spannt o. locker) und ver­su­che wahr­zu­neh­men, wie sich das auf (die Sta­bi­li­tät) deine/(deiner) Was­ser­la­ge auswirkt?

Vier­te Varia­ti­on: Vari­ie­re den Grad dei­ner Schräg­la­ge (mehr Rich­tung Bauchlage/mehr Rich­tung Sei­ten­la­ge) und ver­su­che wahr­zu­neh­men, wie sich das auf dei­ne Strom­li­ni­en­form auswirkt?

(Alle Übun­gen kön­nen mit Fins, mit einem Fin oder ohne aus­ge­führt werden.)

Bewegungskönner*innen

Für Bewegungskönner*innen ist der Ansatz des Dif­fe­ren­zi­el­len Bewe­gungs­ler­nens im Zusam­men­hang mit dem Qua­li­ta­ti­ven Trai­ning inter­es­sant (s. dazu mei­nen Text unter Bes­ser schwim­men). Bewe­gungs­va­ria­tio­nen wer­den hier ein­ge­setzt, um kon­ti­nu­ier­lich und gleich­zei­tig mit den kon­di­tio­nel­len Rei­zen für aus­rei­chend koor­di­na­ti­ve Anfor­de­run­gen zu sor­gen, damit im Trai­ning kei­ne Mono­to­nie ent­steht und die/der Sportler*in auf­merk­sam bleibt.

Bei­spiel 1:

12x100 Kraul, Schwel­len­tem­po, 20–30‘‘ Pau­se / 100

Schwim­me fort­lau­fend im Wechsel:

  1. 25 mit Fäus­ten / 75 „nor­ma­le“ Hände
  2. 25 mit gro­ßer Pis­to­le (kl. Fin­ger + Ring­fin­ger beu­gen) / 75 „nor­ma­le“ Hände
  3. 25 mit Dau­men in der Hand­flä­che / 75 „nor­ma­le“ Hände
  4. 25 mit gekrall­ten Hän­den / 75 „nor­ma­le“ Hände

Spü­re den Wahr­neh­mun­gen an dei­nen nach.

Bei die­ser Auf­ga­be wer­den die dif­fe­ren­ten Bewe­gungs­er­fah­run­gen durch Vor­ga­ben für die Hand­hal­tung provoziert.

Bei­spiel 2:

2000 Kraul, Dau­er­schwim­men, GAIa-Tempo

Schwim­me fort­lau­fend im Wechsel:

150 „nor­ma­le“ Züge pro Bahn

50 mit 3–4 Zügen weniger

Hier bezieht sich die Vor­ga­be auf einen Para­me­ter, der als Ergeb­nis mess­bar ist. Der Lösungs­raum für die Gestal­tung der Bewe­gung ist offen und die/der Sportler*in muss selbst ent­schei­den, durch wel­che qua­li­ta­ti­ve Ver­bes­se­rung ihrer/seiner Bewe­gung die Züge tem­po­rär redu­ziert wer­den können.

Fazit

Inzwi­schen arbei­te ich seit fast 20 Jah­ren in mei­nen Trai­nings und Übungs­stun­den mit ganz unter­schied­lich guten Schwim­me­rin­nen und Schwim­mern sys­te­ma­tisch nach dem Kon­zept des Dif­fe­ren­zi­el­len Bewe­gungs­ler­nens. Den meis­ten konn­ten auf die­sem Wege ein bes­se­res Bewe­gungs­ge­fühl ent­wi­ckeln und waren bereits nach weni­gen Übungs­stun­den in der Lage, sich selbst zu kor­ri­gie­ren. Vie­le konn­te ich dazu bewe­gen, die­sen Ansatz in ihren Trai­nings dau­er­haft eigen­stän­dig umzu­set­zen. Fol­gen­de posi­ti­ve Feed­backs unter­strei­chen m.E. die Effek­ti­vi­tät die­ser Methodik:

  • „Das Trai­ning ist abwechs­lungs­reich, kurz­wei­lig und macht Spaß.“
  • „Ich habe das Gefühl, neben­bei zu lernen.“
  • „Frü­her hat­te ich kei­ne Lust auf Schwimm­trai­ning, heu­te ist das Schwim­men Grund­la­ge mei­nes sport­li­chen Erfolgs.“
  • „Ich konn­te mei­ne Schwimm­tech­nik und Schwimm­leis­tung ohne jede Trai­nings­be­glei­tung durch eine/n Trainer*in deut­lich verbessern.“