Im ersten Beitrag zum Differenziellen Bewegungslernen habe ich ein wenig den theoretischen Hintergrund zum Bewegungslernen betrachtet und dabei die Besonderheiten des Differenziellen Bewegungslernens herausgestellt. In zweiten Beitrag möchte ich einen speziellen Aspekt herausgreifen und mich den daraus resultierenden Konsequenzen für die Praxis zuwenden.
Die Untersuchungen von Schöllhorn und Mitarbeitenden hatten ergeben, dass sich Bewegungen nicht exakt wiederholen lassen, sondern stattdessen von individuellen und situativen Bewegungslösungen gesprochen werden muss.
Diese Erkenntnisse führten zu den provokanten Fragestellungen, ob
- es Sinn mache, Bewegungen durch „Einschleifen“ stabilisieren zu wollen und
- ob der Versuch, eine Bewegung mehrmals hintereinander gleich zu machen, die Ursache für Bewegungslernprozesse sein könne.
Die Antwort lautete NEIN.
Differente Bewegungserfahrungen
Das Konzept des differenziellen Bewegungslernens geht davon aus, dass der Lernreiz für das Erwerben und Verbessern von Bewegungen aufgrund differenter Bewegungserfahrungen zustande kommt und nicht durch die Wiederholung des vermeintlich Gleichen. D.h. es ist die Abweichung (Differenz) der folgenden Bewegungsausführung B zu der davor liegenden Bewegungsausführung A, die den Lernreiz auslöst und die ständige Wiederkehr von Abweichungen, die die Ursache für den Lernerfolg ist.
Die Abweichungen werden als Rauschen bezeichnet. Die Summe der Abweichungen in einer Übungsreihe oder Intervallserie oder in einem Training bestimmt die Stärke des Rauschens. Je stärker das Rauschen, desto intensiver der Lernreiz.
Methodische Umsetzung beim Üben und Trainieren
Um beim Üben und Trainieren gezielt Bewegungslernprozesse anzustoßen, werden systematisch Bewegungsvariationen eingesetzt, um unterschiedliche Bewegungserfahrungen zu ermöglichen.
Beispiel:
6x50 Kraul, ruhiges Tempo, 20‘‘ Pause /
Schwimme die ersten 25 jeweils mit gradlinigem Armzug (versuche, deine Hand auf einer Linie parallel zur Wasseroberfläche von vorn nach hinten zu bewegen/
Bewusstheit im Übungsprozess
Wichtig ist, dass die Übenden die Bewegungsvarianten bewusst ausführen, d.h. zum einen „absichtlich“ und zum anderen verbunden mit Konzentration und Aufmerksamkeit auf bestimmte Wahrnehmungen, die aufgrund der Variationen auftreten können. Hilfreich ist, die Aufmerksamkeit der Übenden auf bestimmte Aspekte zu lenken, die Einfluss auf die Effizienz der Kraulbewegung haben. Dies kann geschehen, bevor mit der Aufgabe begonnen wird oder, wenn mehrere Wiederholungen ausgeführt werden, währenddessen: z.B. achte auf
- Die Umströmung der Hände während des Zuges.
- Das Widerlagergefühl/
die Antriebswirksamkeit der Armzüge. - Das Gefühl in der Antriebsmuskulatur der Arme.
Oder es werden offene Fragestellungen formuliert, die zwischen den Wiederholungen oder im Anschluss gestellt werden können: z.B.
- In welchem Teil der Antriebsbewegung hattest du ein gutes Widerlagergefühl?
- Gab es für dich bei beiden Varianten positive Aspekte? Wenn ja, welche?
- Wie hast du dich bei den beiden Varianten gefühlt?
- Haben sich die Varianten unterschiedlich auf deine Wasserlage ausgewirkt?
Bewusstheit beim Differenziellen Bewegungslernen schließt also eine gewisse Reflexion der Wahrnehmungen ein, die verbal erfolgen kann (im Austausch zwischen Sportler*in und Trainer*in oder zwischen verschiedenen Sportler*innen) oder sich in der übenden Person selbst abspielt. Durch die Reflexion wird aus der Wahrnehmung eine Erfahrung, auf die die Übenden in späteren Bewegungssituationen zurückgreifen können.
Den Bewegungslernreiz steuern
Das Rauschen beim o.g. Beispiel „begrenzt sich“ auf die differenten Erfahrungen zwischen den ersten und zweiten 25m. Das Rauschen steigert sich, wenn eine weitere Bewegungsvariante hinzukommt:
6x50 Kraul, ruhiges Tempo, 20‘‘ Pause /
Schwimme im Wechsel:
- 25 mit gradlinigem Armzug /
25 mit leicht kurvigem Zugmuster - 25 mit steifen Ellenbogen /
25 mit leicht kurvigem Zugmuster
Eine andere Möglichkeit, das Rauschen zu verstärken, zeigt folgende Aufgabengestaltung:
6x50 Kraul, ruhiges Tempo, 20‘‘ Pause /
Schwimme im Wechsel:
- Rechter Arm mit gradlinigem Armzug /
linker mit leicht kurvigem Zugmuster - Rechter Arm mit leicht kurvigem Zugmuster /
linker Arm gradlinig
Die 6x50 K ließen sich in dieser Form in einem ersten Durchgang mit 2er-Atmung nach rechts durchführen und in einem zweiten Durchgang mit 2er-Atmung nach links. Das würde sehr wahrscheinlich zu weiteren differenten Bewegungserfahrungen führen und ggf. Seitenunterschiede zwischen linkem und rechtem Armzug „aufdecken“.
Die Intensität des Rauschens lässt sich auf diese Weise systematisch nach unten und oben regulieren.
Bewegungsanfänger*innen
Wenn ein Bewegungsablauf/
Ist die Grundstruktur der Bewegung ausreichend stabil, sollte gezielt variiert werden, um die Qualität zu verfeinern.
Beispiel für eine schwimmtechnische Übung (STÜ):
Kraulbeinschlag in schräger Bauchlage, ein Arm vorgestreckt, ein Arm angelegt
Grobform: die Beinschlagbewegung erfolgt in Schräglage, der „untere“ Arm ist vorn positioniert, der andere liegt auf der an der Wasseroberfläche befindlichen Körperseite, Ausatmung ins Wasser, Einatmung zur Seite bzw. nach oben
Erste mögliche Variation: Wohin schaust du während der Ausatmung? Variiere deine Blickrichtung und damit deine Kopfhaltung und versuche wahrzunehmen, wie sich das auf deine Wasserlage auswirkt?
Zweite Variation: Wie dicht befindet sich dein vorgestreckter Arm an der Wasseroberfläche? Variiere die Tiefe und versuche wahrzunehmen, wie sich das auf deine Wasserlage auswirkt?
Dritte Variation: Wie hältst du die Hand deines vorgestreckten Arms? Variiere die Handhaltung (beugen, strecken, überstrecken, Handfläche nach innen, unten o. außen, angespannt o. locker) und versuche wahrzunehmen, wie sich das auf (die Stabilität) deine/(deiner) Wasserlage auswirkt?
Vierte Variation: Variiere den Grad deiner Schräglage (mehr Richtung Bauchlage/
(Alle Übungen können mit Fins, mit einem Fin oder ohne ausgeführt werden.)
Bewegungskönner*innen
Für Bewegungskönner*innen ist der Ansatz des Differenziellen Bewegungslernens im Zusammenhang mit dem Qualitativen Training interessant (s. dazu meinen Text unter Besser schwimmen). Bewegungsvariationen werden hier eingesetzt, um kontinuierlich und gleichzeitig mit den konditionellen Reizen für ausreichend koordinative Anforderungen zu sorgen, damit im Training keine Monotonie entsteht und die/
Beispiel 1:
12x100 Kraul, Schwellentempo, 20–30‘‘ Pause /
Schwimme fortlaufend im Wechsel:
- 25 mit Fäusten /
75 „normale“ Hände - 25 mit großer Pistole (kl. Finger + Ringfinger beugen) /
75 „normale“ Hände - 25 mit Daumen in der Handfläche /
75 „normale“ Hände - 25 mit gekrallten Händen /
75 „normale“ Hände
Spüre den Wahrnehmungen an deinen nach.
Bei dieser Aufgabe werden die differenten Bewegungserfahrungen durch Vorgaben für die Handhaltung provoziert.
Beispiel 2:
2000 Kraul, Dauerschwimmen, GAIa-Tempo
Schwimme fortlaufend im Wechsel:
150 „normale“ Züge pro Bahn
50 mit 3–4 Zügen weniger
Hier bezieht sich die Vorgabe auf einen Parameter, der als Ergebnis messbar ist. Der Lösungsraum für die Gestaltung der Bewegung ist offen und die/
Fazit
Inzwischen arbeite ich seit fast 20 Jahren in meinen Trainings und Übungsstunden mit ganz unterschiedlich guten Schwimmerinnen und Schwimmern systematisch nach dem Konzept des Differenziellen Bewegungslernens. Den meisten konnten auf diesem Wege ein besseres Bewegungsgefühl entwickeln und waren bereits nach wenigen Übungsstunden in der Lage, sich selbst zu korrigieren. Viele konnte ich dazu bewegen, diesen Ansatz in ihren Trainings dauerhaft eigenständig umzusetzen. Folgende positive Feedbacks unterstreichen m.E. die Effektivität dieser Methodik:
- „Das Training ist abwechslungsreich, kurzweilig und macht Spaß.“
- „Ich habe das Gefühl, nebenbei zu lernen.“
- „Früher hatte ich keine Lust auf Schwimmtraining, heute ist das Schwimmen Grundlage meines sportlichen Erfolgs.“
- „Ich konnte meine Schwimmtechnik und Schwimmleistung ohne jede Trainingsbegleitung durch eine/
n Trainer*in deutlich verbessern.“
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